Tempel der Nacht – Geschichte und Geschichten

Im Folgenden finden Sie einen groben Überblick über die Geschichte und Geschichten zum „Tempel der Nacht“. Gerne können Sie uns kontaktieren, wenn Sie weiterführende Informationen wünschen.


Ab 1796: Planung und Bau

In den Jahren ab 1796 ließ der Schönauer Schlossherr Baron Peter von Braun, ein rasch zu großem Reichtum gelangter Seidenfabrikant, Kunstliebhaber und Direktor verschiedener Wiener Hoftheater, als Höhepunkt des Schlossparks Schönau den „Tempel der Nacht“ errichten. Einer der renommiertesten Architekten des Landes, Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg, plante und gestaltete eine geheimnisvolle Tempelanlage, die großteils als künstliches unterirdisches Grottenlabyrinth verläuft und den Besucher schließlich in einen zentralen Tempelraum führt.

Fertigstellung und Blütezeit ab 1800

Bereits kurz nach Fertigstellung des Baus war der „Tempel der Nacht“ um 1800 eine bedeutende Attraktion für Wiener Adlige und Bürgertum. Auch unzählige Gäste aus aller Welt nahmen die Reise nach Schönau auf sich und ließen sich mit Booten zum eisernen Tor des Tempels rudern. Bei Fackelschein lauschte man mystischen Erzählungen der Führer und bewunderte im Zentralraum das künstliche Firmament unter der Kupferkuppel. Eingehüllt in wunderbare Düfte und Klänge des mechanischen Orgelwerks tauchten die Gäste in den Zauber der künstlichen Unterwelt ein. Besonderen Gefallen an den dargebotenen Künsten und technischen Raffinessen fand auch Kaiserin Marie Therese, zweite Ehefrau von Kaiser Franz: Baron von Braun versuchte, sie bei ihren Besuchen in Schönau mit immer neuen, äußerst kostspieligen Überraschungen zu beeindrucken.

Inspiration für Kunst und Kultur

Namhafte Künstler des beginnenden 19. Jahrhunderts ließen sich vom „Tempel der Nacht“ inspirieren: Antonio Salieri komponierte seine „Armonia per un Tempio della Notte“, Luigi Cherubini schuf Werke für die mechanischen Musikinstrumente in der Anlage, und August von Kotzebue verfasste spirituelle Texte für Wandtafeln, die dem Tempel eine Bedeutung auch über die des bloßen Vergnügungsbau hinaus zuweisen. Die vielfach präsente Symbolik der Freimaurerei und der Aufklärung stärken noch diesen Aspekt.

Verkauf und beginnender Verfall ab 1817

Die Blütezeit des „Tempel der Nacht“ währte nur während der Eigentümerschaft Baron Peter von Brauns. Schon nach wenigen Jahren der Prosperität war der Visionär und Phantast finanziell schwer angeschlagen. 1817 erfolgte die Abtretung der Gesamtliegenschaft an Jérome Bonaparte, der dem Tempel der Nacht wenig abgewinnen konnte und ihn zusehends verfallen ließ. Auch die rasch wechselnden Nachbesitzer – unter anderen Kaiser Franz-Josef, Otto von Habsburg, Elisabeth Marie zu Windisch-Graetz (“Rote Erzherzogin”) und die Fürsten von Liechtenstein – konnten oder wollten die Grotte nicht im ursprünglichen Zustand erhalten. Da zudem die Kupferkuppel des Zentralraums schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts abgetragen wurde, ergriff im Laufe der Jahrzehnte die Natur immer mehr Besitz von der Anlage.

Jüngere Vergangenheit und Zukunft

Über die vielen Jahrzehnte des Verfalls gibt es wenige Aufzeichnungen. Im Jahr 1894 etwa erwähnt ein Besucher nur noch Überreste. Aus den nächsten rund 100 Jahren sind nur wenige schriftliche Quellen oder aussagekräftige Fotografien über den Zustand des „Tempel der Nacht“ bekannt, jedoch lassen sich aus der Nutzung von Schloss und Schlosspark Rückschlüsse auf mögliche Verwendungen ziehen. So war die Gesamtanlage in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg von Russland besetzt, diente von 1965 bis 1973 als jüdisches Emigrantenlager und in weiterer Folge bis 1992 als Trainingscamp für die Polizei- Eliteeinheit „Cobra“. Nach weiteren Jahren des Dämmerschlafs wurde der „Tempel der Nacht“ erst in den späten 1990er Jahren Gegenstand intensiverer Nachforschungen. Zu Beginn des neuen Jahrtausends erfolgte schließlich eine Sanierung der Anlage, um den weiteren Verfall zu stoppen. Gegenwärtig kann der Tempel der Nacht im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Für zukünftige Nutzungen werden derzeit Konzepte erarbeitet.